Startseite Icon Werkverzeichnis

12 Haikai  und Epilog für Sopran und Instrumente des Bläserquintetts

Endlich hat mich wiedereinmal die Inspiration eingeholt! Es bedurfte eines Anstoßes von Herwig Reiter, einem lieben Bekannten und ehemaligen Hochschulprofessor, mich auf das Naheliegenste aufmerksam zu machen:

Schau Dir Deine eigenen Haikai an! Die schreien ja förmlich nach Musik! Also genug Stoff zum Vertonen!

Das habe ich also beherzigt und versucht, mich ans Werk zu machen. Die Vertonung der ausgewählten 12 Haikai habe ich am 15.11. begonnen und die Vertonung des ersten Haiku ist schon sehr fortgeschritten. Mein vorläufiges Konzept sieht so aus: jedem Haiku wird als Begleitung der Singstimme ein charakteristisches Soloinstrument aus dem Bläserquintett (in der klassischen Besetzung Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott) zur Seite gestellt. Alle Instrumente des Quintetts sollen nur zu Beginn - als Prolog - und am Schluss des Werkes - als Epilog - gemeinsam erklingen.
Ich überlege, den Kompositionsprozess dieses Stückes, ähnlich wie beim Requiem 2001 in Form eines Web-Tagebuches zu dokumentieren.

Komponier-Webtagebüchlein

15.11.03: Endlich, nach langer Durststrecke wiedereinmal ganz konkrete Ideen zum Niederschreiben! Das erste Gedicht schreit nach der Umsetzung mit Sopranstimme und Solo-Klarinette:

I. Einsamer Vogel / weck ihn für uns alle auf / den lieben Frühling!

Vogelstimmen, zuerst ganz weiche Töne, dann wie ein beginnendes Zwiegespräch - muss ziemlich schwer zu spielen sein ... Wurde leider nicht ganz fertig. -> Skizze

16.11.03: Sehr fruchtbarer Abend heute! Das Haiku von gestern habe ich beendet und drei weitere fertig skizziert:

II. Das Schneeglöckchen, weiß / durchbricht die Decke des Schnees / Bote des Frühlings!

Diesmal begleitet die Querflöte solo. Flirrende Tremoli münden in eine rein parallel geführte Passage; gegen Schluss  darf sich die Singstimme in einer langen Koloratur ergehen, die die Flöte begleitet und frei weiterführt. -> Skizze

III. Graugänse schnattern / wie Espressomaschinen / Unendlicher Lärm!

Spätfrühling - es geht Richtung Sommer! - erstmals spielen mehrere Instrumente gleichzeitig. Lautmalerisch versuche ich, Oboe, Horn und Fagott gleichzeitig einzusetzen. Die Singstimme muss extrem flexibel sein, vom Fortissimo in höchster Lage bis hin zum tonlosen Flüstern muss alles drinnen sein. Der Spuk ist nach knapp vierzig Sekunden vorbei ... -> Skizze

IV. Magnolienduft / und überall frisches Gras / Heuschnupfenzeit!

Im ersten Sommer-Haiku gibt die Flöte, vom Horn mit Liegetönen begleitet,  in langatmigen Phrasen eine Kantilene vor, die von der Singstimme beantwortet wird. Nun wechseln sich die Stimme und die Instrumente mit immer kürzer werdenden Phrasen ab, bis zu der Pointe (Heuschnupfenzeit) sich die Blasinstrumente grotesk in aller Kürze in die Höhe schrauben. -> Skizze

17.11.03: Heute ist ein Tag des kritischen Betrachtens ... Darüber hinaus habe ich überlegungen angestellt, in welcher Besetzung die restlichen Haikai gearbeitet werden.

18.11.03: Am späteren Abend habe ich die beiden restlichen Sommer-Haiku skizziert. Das erstere,

V. Lärmende Kinder / und das Geschrei der Möven / Adria-Sommer.

trotzt den beiden hohen Bläsern Flöte und Oboe einerseits sehr laute, virtuose, andrerseits aber auch sehr kantilene Linien ab. Die Singstimme fügt sich beiläufig in dieses Bild. -> Skizze

Das, zweite, nur spärlich mit Singstimme und Solo-Horn besetzte Haiku

VI. Die Abendkühle / Lebensgeister regen sich / laue Sommernacht.

verwendet primär die Naturtöne des Horns. Verhaltene Fanfarenklänge und Liegetöne wechseln sich mit Ansätzen zur Vitalität ab - wobei es bei den Ansätzen bleibt. Das Gedicht ist ja nur quasi eine Vorschau auf die Geschehnisse der Nacht. -> Skizze

19.11.03: Etwas invers zur herrschenden Wetterlage (+15° C um 8 Uhr früh!) hat mich heute ein typischer Spätherbst-Text angesprochen:

X. Die Weinbergschnecke / verkriecht sich im dichten Laub / Winter kann kommen.

Für die Vertonung dieses Textes habe ich als Begleitung das Solo-Fagott ausgewählt, das das langsame Verkriechen am besten darstellen wird; so hoffe ich jedenfalls. -> Skizze

20.11.03: Heute habe ich die restlichen Winter-Haikai skizziert. Das erste,

XI. Gefrorener Hauch / Strömt zwischen meinen Lippen. / Wann erstarrt die Luft?

wird von der Solo-Oboe begleitet und verwendet geräuschartige Effekte  -> Skizze
Das zweite Haiku, welches als letztes Gedicht im Zyklus vorgesehen ist,

XII. Getrocknetes Blatt / gefunden im Lexikon / Wie alt bist du schon?

entwickelt sich über die homophone Dreistimmigkeit von Klarinette, Horn und Fagott. Die Klarinette zitiert, oder besser gesagt: parodiert gegen Schluss noch einmal die erste Gesangsphrase. -> Skizze

21.11.03: Nach einem langen, anstrengenden Schultag bin ich wohl etwas zu müde, um künstlerisch kreativ zu sein und hoffe, dass mich morgen gute Einfälle heimsuchen ...

22.11.03: Ein wahrhaft inspirativer Tag neigt sich seinem Ende zu! Heut habe ich die restlichen drei Herbst-Gedichte fertig skizziert. Das erste,

VII. Sonnenwendezeit / Abende werden kühler / Rückt näher, Freunde!

ist als verkappter Ländler gestaltet. Gegen Schluss rücken die Akkordtöne so nahe wie möglich zusammen 
-> Skizze

VIII. Wer hat denn im Herbst /Den Wald so bunt angemalt? / Das kann nur einer ...

Dieses Gedicht bzw. seine Vertonung ist eine Lobhymne auf Gott, den Schöpfer aller Dinge. Lautmalerisch versuche ich, das Rascheln der Blätter mittels schneller Figuren in den begleitenden Instrumenten (Flöte und Klarinette) darzustellen. Die Singstimme spricht zunächst nur, erst gegen Ende "erstaunt" sie einen einzigen Ton, der auch in der oberen Oktave gebraucht wird. Meinem dreieinigen Gottesbild gemäß endet das Schöpfer-Lob in drei aufeinanderfolgenden Dur-Dreiklängen. -> Skizze

Das letzte Herbst-Haiku, das äußerst übermütige

IX. Ein Fass Traubenmost / In geselliger Runde / Wie lustig man wird!

ist einer der kürzesten Teile der gesamten Komposition. Die Begleitung besteht hier aus vier Instrumenten (das gesamte Quintett außer der hellen Flöte) und versucht die überschwängliche Stimmung zunächst in Form eines polka-ähnlichen Tanzes und im Mittelteil in Form einiger Walzer-Takte wiederzugeben. -> Skizze

Darüberhinaus habe ich die Skizzierung des abschließenden Epilogs begonnen, sodass bald ein Ende der Kompositions-Skizzierung abzusehen ist. Nach derzeitigem Stand der Dinge sehe ich keine Notwendigkeit, noch einen Prolog hinzuzufügen.

23.11.2003: Den Epilog und somit die Skizzierung der gesamten Komposition habe ich heute beendet. Nun hoffe ich, in nächster Zeit genügend Energie und Zeit zu erübrigen, um die Reinschrift am Computer machen zu können. Mit dem 8.Lied habe ich bereits begonnen.

24.11.2003: Die Reinschriften von der Liedern Nr.7, 8 und 9 sind fertig im Computer gespeichert.

25.11. und 26.11.2003: Von allen übrigen Liedern sind die Reinschriften als Computersatz fertig. Jetzt beginnt eine Zeit des aufmerksamen Korrekturlesens und Verbesserns.

27.11.2003: Nach kritischer Betrachtung hält die Erstfassung des Epilogs nicht mehr stand. Habe gestern und heute die (stark verkürzte) Neufassung entworfen und auch gleich ausgeführt. Nun steht also die endgültige Gestalt der Komposition (mit Ausnahme einiger weniger Details) fest.

29.11.2003: Einige Partiturseiten der Reinschrift sind bereits fertiggestellt; es liegt aber immer noch viel Arbeit des kritischen Betrachtens und Verbessern vor mir. -> Partitur von Nr.9 (pdf)

2.12.2003: Die Partitur-Reinschrift ist nach mehrmaligem Korrekturlesen abgeschlossen - fine dell'opera!

Fortsetzung folgt ...

nach oben   |   Beginn des Tagebuchs   |   zurück